Kreuzer, 200 Jahre Lehrerseminar

Friedberg auf dem Weg zur Stadt der Schulen – Die Gründung des Lehrerseminars in der Burg und seine Entwicklung.

Referent Lothar Kreuzer

Vor 200 Jahren wurde in Friedberg das erste, für das gesamte Großherzogtum Hessen zuständige protestantische Schullehrerseminar begründet. Die Eröffnung erfolgte damals ganz bewusst als Abschluss der 300-Jahrfeier der Reformation. Nicht zuletzt deshalb befasste sich Lothar Kreuzer, der Vorsitzende des Friedberger Geschichtsvereins, zum Ende des Reformationsjahres im letzten diesjährigen Vortrag des Geschichtsvereins mit dieser Institution und ihrer Geschichte. Er hob hervor, dass Friedberg nicht zur „Stadt der Schulen“ geworden wäre, wenn nicht das Schullehrerseminar seinen Platz hier gefunden hätte. Untergebracht wurde das Seminar in der ehemaligen Burgkanzlei (gleich linker Hand neben dem südlichen Burgtor, heute eines der Gebäude des Burggymnasiums). Die Wegbereiter des Seminars wurden durch die Prinzipien des Schweizer Pädagogen Pestalozzi beeinflusst. Ziel der neuartigen Seminarausbildung war es, die Qualität der Lehrer anzuheben, die bis dahin sehr unterschiedlich vorgebildet und schlecht bezahlt waren und teilweise nur im Winter beschäftigt wurden. Entscheidend an der Gründung des Seminars beteiligt und dessen erster Rektor (bis 1841) war Christian Theodor Roth, bis dahin Rektor der Augustinerschule. Roth beklagte, dass derzeitige Lehrer die Jugend „grausam verbildeten“, und wandte sich auch gegen die übliche Praxis, Theologen als Lehrer zu beschäftigen, die dies nur nebenbei und als berufliche Zwischenstation betrieben. Bei Beginn des Schulbetriebs wurde mit dem bekannten Musikpädagogen Peter Müller noch ein zweiter Lehrer eingestellt. Unterrichtsfächer waren Religion, Musik, Deutsch, Mathematik, Naturlehre und Erdbeschreibung, somit die Fächer der Volksschule in erweiterter Form. Zur finanziellen Entlastung der Familien der 16- oder 17jährigen Absolventen wurde ein Internat eingerichtet. Der Seminarbetrieb wurde immer wieder durch Epidemien wie Nervenfieber und Lungenschwindsucht unter den Seminaristen belastet, die wiederholt zu Todesfällen führten. Neben einer Verbesserung der Toilettenhygiene wurde als Gegenmittel das Fach Turnen eingeführt, das zunächst im Direktorengarten und einer Scheune stattfand Auf ärztliche Empfehlung wurden die Schlafsäle pro Etage beschränkt und die Reinigung an weibliches Personal anstelle des Pedells vergeben. Wegen mangelhaften Vorwissens der Seminaristen wurde der Unterricht zuerst als Verlängerung der Volksschule gestaltet, während man später landesweit so genannte Präparandenanstalten einrichtete. 1864 wurden Bestimmungen für eine Aufnahmeprüfung erlassen.Die Lehramtskandidaten rekrutierten sich aus Volksschülern mit wachsendem Anteil an Bauernsöhnen. Man wollte Volkstümlichkeit statt abgehobenen akademischen Dünkel. Die veränderten Anforderungen des Handwerks und die Industrialisierung bewirkten eine Zunahme der Realien-Fächer und die Aufnahme der Fremdsprache Französisch. Hinzu kamen Gesundheitspflege und Informationen zur Blindenanstalt, Handfertigkeit oder Obstbaumzucht. Die Ausbildungszeit betrug bis 1868 zwei Jahre, wurde dann auf drei Jahre und 1912 auf vier Jahre verlängert. Zur praktischen Ausbildung der Lehrerkandidaten gründete man 1820 eine eigene Seminarschule mit bewusst schwierigem Schülerklientel, das Rektor Roth als „ganz demoralisiert und thierartig verwildert“ beschrieb. Diese Schule wurde ab 1852 in der von Philipp Dieffenbach geleiteten Musterschule eingegliedert. 51 Jahre lang wirkte Professor Johann Friedrich Schmidt, der Großvater von Wolf Schmidt („Baba Hesselbach“), als Musiklehrer. 1837 wurde bewusst am Standort des Lehrerseminars das Predigerseminar eröffnet. Dessen Professoren unterrichteten von da an die  Lehrerseminaristen im Fach Religion. 1848 wurde der Schulbetrieb durch die Revolutionsbestrebungen 1848 gestört, als die Seminaristen einen politischen Verein gründen wollten. In den Geschäften in der Stadt machten sie großzügig Schulden im Vertrauen darauf, sie in einer neuen nachrevolutionären Staatsordnung nicht begleichen zu müssen. Der Pfändung widersetzten sie sich, indem sie die Amtsdiener mit Schneebällen und Sprechchören „Haut ab, ihre Hunde!“ vertrieben, weswegen zwei Seminaristen vorübergehend in Untersuchungshaft kamen. Langjährige Auseinandersetzungen hatte das Lehrerkollegium um 1870 mit Direktor Steinberger. Aus der Spätphase des 1927 aufgelösten Seminars konnte Lothar Kreuzer aus dem Entlassungszeugnis des späteren Rektors der Adolf- Reichwein-Schule, Heinrich Koch, zitieren, das noch auf einem handschriftlich berichtigten Formular des Großherzoglichen Lehrerseminars zu Friedberg geschrieben wurde.

Reinhard Schartl

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