Schneider, Friedberg im 19. Jahrhundert

Im 7. Vortrag zur Stadtgeschichte referierte Lutz Schneider, Leiter des Stadtarchivs, beim Friedberger Geschichtsverein über das 19. Jahrhundert von den napoleonischen Kriegen bis zur Eingemeindung Fauerbachs 1901. Der Fülle des Stoffes begegnete er dabei mit bewusster Auswahl der wesentlichen Aspekte Städtebau, Pressewesen und Bildungseinrichtungen, Revolutionsereignisse zwischen 1830 und 1849, Verwaltungsgeschichte sowie Industrialisierung. Zeitgenössische Darstellungen und Karten veranschaulichten die nachhaltigen Veränderungen im Stadtbild (die niedergelegte Stadtbefestigung, die neuen Schulgebäude) und die Schauplätze wie das Gefängnis im Dachgeschoss der Klosterkaserne. Eigene Kapitel galten der Geschichte der Friedberger Garnison bis 1870/71 und dem Schriftsteller Siegfried Schmid, dem Hölderlin-Freund, der sich bei den Größen des Literaturbetriebs seiner Zeit, Goethe und Schiller nicht durchsetzen konnte.

Die mittelalterlichen Strukturen endeten mit der Besitzergreifung durch die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, von Napoleon zum Großherzogtum aufgewertet. Die neue Verwaltung listete penibel Einwohnerzahl und Viehbestand auf und beschrieb detailliert und manchmal bissig ihre Gesprächspartner im „unbedeutenden Landstädtchen“ (Dieffenbach).

Mit dem Abbruchmaterial der Gebäude pflasterte man die Straßen, auf der Hauptlebensader Kaiserstraße entschärfte man die Steigung. Wichtigste Infrastrukturmaßnahmen waren 1843 die Chaussee um die Burg und ab 1846 der Bau der Main-Weser- Eisenbahntrasse. Ihr bedeutendstes Bauwerk, die „24 Hallen“ des Rosentalviadukts erfüllte als große Ingenieurleistung bis 1982 seine Funktion. Ab 1880 entwickelte sich die Stadt rasant mit den ersten neuen Wohngebieten der Hanauer-, Bismarck- und Ludwigstraße.

Der Start ins neue Jahrhundert war geprägt von finanzieller Belastung ständiger Einquartierung sehr vieler Soldaten, dem Bedeutungsverlust der Stadt im Großherzogtum und von geringer Beteiligung des Landes beim Abtrag der Altschulden. Erst Bürgermeister Fritz erreichte 1827 einen Schuldenerlass. Als Stadt mit „alten achtbaren Erinnerungen“ hatte man einen Sitz in der zweiten Kammer des Landtags.

Lutz Schneider präsentierte die Meilensteine der Schulentwicklung vom evangelischen Lehrerseminar 1817, der Neuorganisation der Schulen mit Dieffenbachs Musterschule bis zur Blindenanstalt von 1850. Vor dem „Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen“ und dem Verlag Bindernagel (1834) begründete Nikolaus Feudtner 1811 die Zeitungstradition. Anfangs waren es reine Nachrichten-und Annoncenblätter. Dieffenbach als Schriftleiter des Intelligenzblattes lieferte auch landeskundliche und historische Informationen.

Im Zentrum der revolutionären Ereignisse zwischen 1830 und 1848/49 stand in Friedberg der Apotheker Theodor Trapp, Sohn einer alteingesessenen, wohlhabenden bürgerlichen Familie. 1833 nach einer Haftentlassung noch triumphal gefeiert, starb er später nur 46jährig, wie Weidig geknechtet von der hessischen Justiz. Politisch motiviert und wiederholt mit Verbot belegt war die 1845 gegründete Turngemeinde. Kennzeichnend für die Jahre der Revolution waren die Gründung und die Abspaltung von Vereinen, die das politische Spektrum bis zum Arbeiterverein abbildeten. Bedeutend als Sprachrohr der Demokraten war auch der spätere Bürgermeister Karl Scriba, einer der Verleger des „Wetterauer Volksblattes“; auch er war zeitweise inhaftiert.

Die Verwaltungsorganisation des Landkreises erlebte vielfältige Änderungen; wichtig wurde die Trennung von Exekutive und Justiz.

Für die Industrialisierung stehen –heute alle nicht mehr existent- die Lackfabrik Roßbach, die Brauereien, vor allem Windecker und Steinhäußer, die „Eierfabrik“ von Trapp und Münch zur Produktion von Albuminpapier, die Maschinenfabrik Reuß, die Lackfabrik Megerle und die Zuckerfabrik, 1882 in Fauerbach gegründet. Sie und 563 ha Gemarkung boten nach der Eingemeindung vom 12.1.1901 Friedberg gute Bedingungen der Stadtentwicklung. Der Bürgermeister amtierte nun hauptamtlich (Friedrich Sandmann als erster schied schon nach einem Jahr aus), aus dem Gemeinderat wurde ein Stadtrat.

Für diesen gelungenen Überblick dankten die zahlreich erschienenen Zuhörer Lutz Schneider mit großem Beifall.

 

vgl. Wetterauer Zeitung 24.11.2016