Kinoabend: Friedberg im Film

Bewegte Bilder aus 50 Jahren: Filmnachmittag zum Stadtjubiläum im Kino-Center

Friedberg (har). Die Nachmittagsvorstellung im Kino-Center ist am Mittwoch besonders gut besucht gewesen. Grund dafür war nicht ein neuer Blockbuster oder gar der freie Eintritt, der mehr als 100, meist ältere Besucher ins Roxy lockte. Vielmehr waren vier Filme, in denen Friedberg im Mittelpunkt stand, der Grund für das große Interesse. »Nach unseren Vorträgen wechseln wir heute auf bewegte Bilder aus 50 Jahren«, erläuterte Lothar Kreuzer, Vorsitzender des Geschichtsvereins, die Sondervorstellung im Rahmen des Stadtjubiläums. Es sei bereits das dritte Mal, dass Geschichtsverein, Stadtarchiv und Kinocenter kooperieren, sagte Kreuzer, der Kinobetreiber Hans-Albert Wunderer für dessen sofortige Bereitschaft, das Kino zur Verfügung zu stellen, dankte. Lutz Schneider, Leiter des Stadtarchivs, ging auf die vier Filme ein, die zwischen 1910 und 1960 entstanden waren. »Es handelt sich durchweg um professionell gedrehte Filme«, betonte das Vorstandsmitglied im Geschichtsverein. Zigarren qualmende Lehrerschaft Die amüsante Vorführung begann mit dem dreiminütigen Film über die Ankunft der russischen Zarenfamilie am 30. August 1910 am Alten Bahnhof. Der Film konnte 2001 durch Vermittlung des Stadtarchivs Bad Nauheim von einem Warschauer Filmarchiv erworben werden. Der Schwarz-Weiß-Streifen hat ebenso wie die beiden folgenden Filme keine Tonspur. So war während der Vorführung der drei ersten Filme immer wieder Geflüster im Saal zu hören. Die Zuschauer erkannten so manchen Ort, wie beim zehn Minuten langen Stadtporträt, das die Kunstfilmanstalt in Wiesbaden im Auftrag der Stadt im Mai 1927 gedreht hatte. Solche Werbefilme erfreuten sich in der Weimarer Republik großer Beliebtheit und wurden als Beiprogramm in vielen Kinos gezeigt. »Kreisstadt Friedberg – Die Perle der goldenen

Wetterau« lautete der Titel des Films, in dem Friedberg als modernes, weltoffenes »Tor der Wetterau« dargestellt wurde. Zu sehen sind unter anderem Bahnhof, Kaiserstraße, Adolfsturm, Burggarten, Rathaus, Augustinerschule und das Hallenbad. Viele dieser Motive kamen auch in dem Film »Erholung in Oberhessen – Wetterau« vor. In dem vermutlich 1934/35 gedrehten zehnminütigen Film wehen immer wieder die Flaggen der Nationalsozialisten. Zu sehen sind die Augustinerschullehrer Dr. Georg Blecher, von 1917 bis 1938 Vorsitzender des Geschichtsvereins, und Wilhelm Konrad Philipps, bekannt als Heimatdichter »Onkel Kuneroad«. Dass die Lehrerschaft damals dicke Zigarren qualmte, sorgte für Erheiterung im Publikum. »Rauchende Lehrer wären heute nicht mehr denkbar«, flüsterte ein Besucher zu seinem Nachbarn. Raucher waren auch im 1960 entstandenen Film »Die goldene Wetterau. Gesichter, Wandel und Wege einer Landschaft« zu sehen. Es handelt sich dabei um eine Art »Film im Film«. Nach einer Sitzung im neu erbauten Friedberger Kreishaus begibt sich der »legendäre Landrat Erich Milius« (Kreuzer) in die gerade errichtete »Hauswirtschaftliche Berufsschule«. Dort präsentiert er den »glücklichen Schülerinnen« den Film über die Sehenswürdigkeiten, die Landschaft und die Industrie der Städte und Gemeinden des ehemaligen Landkreises Friedberg. Mit pathetischen Worten beschreibt der Kommentator den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in einer »Landschaft, die so recht nach dem Herzen Gottes ist«. »Ich könnte noch mehr sehen, das war sehr unterhaltsam und nicht eine Sekunde langweilig«, sagte Besucherin Karin Thorn. Eventuell gibt es im Herbst eine Fortsetzung, wurde doch der Wunsch geäußert, vorhandenes Filmmaterial von den Hessentagen 1966 und 1979 zu zeigen. »Wir werden darüber im Vorstand sprechen«, versprach Kreuzer.

WZ 20.5.2016