Hoos, Die jüdische Gemeinde in Friedberg

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Geschichtsvereins  anlässlich des 800 jährigen Stadtjubiläums sprach Hans- Helmut Hoos über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Friedberg. Dank eines gut strukturierten und klar formulierten Vortrages gelang es ihm, in eineinhalb Stunden zu informativem Bildmaterial das gewaltige Thema gut zu vermitteln.

Die Juden wurden unmittelbar mit der Gründung von Burg und Stadt in der Stauferzeit als kaiserliche Schutzjuden zwischen den beiden Gemeinwesen auf dem Areal der heutigen Judengasse angesiedelt. Der Stadtgründer versprach sich von ihrer guten Vernetzung und Wirtschaftskompetenz einen Anschub für die neue Siedlung. Sie zahlten für den kaiserlichen Schutz durch den Burggrafen an ihn ihre Steuern und waren von allen sonstigen Abgaben befreit. Das führte immer wieder zu Konflikten mit der Stadt, die ihrerseits die Juden zu Gemeindesteuern heranziehen wollte, z.B. zur Beteiligung an Kriegskontributionen während des Dreißigjährigen Krieges. Das monumentalste Zeugnis dieser ersten jüdischen Gemeinde ist die eindrucksvolle Mikwe in der Judengasse, gestiftet von dem rheinischen Juden Isaac Koblenz. Die 7 Treppenläufe zu je 10 Stufen symbolisieren die 7 Schöpfungstage und die 10 Gebote.

Im 14 Jh. kam es im Rahmen der allgemeinen Judenpogrome anlässlich der Pest in Europa auch zur Auslöschung der Friedberger Gemeinde. Da das Eigentum über Ulrich v. Hanau an die Stadt Friedberg fiel, beanspruchte sie später von der neuen Gemeinde Steuern und Abgaben, was zu erneuten Auseinandersetzungen führte, weil die Juden nur exklusiv an die Burg bzw. den Kaiser zahlen wollten. Seither war die Prosperität der jüdischen Gemeinde an den städtischen Tuchhandel gekoppelt. In der Wirtschaftskrise ausgangs des 14. Jahrhunderts booteten die christlichen Tuchproduzenten die jüdische Konkurrenz aus. Jetzt begann ihre Ausgrenzung und Ghettoisierung und erst jetzt verlegte sie sich auf den Geldhandel bzw. das Kreditwesen. Bei einer drohenden Ausweisung 1530 intervenierte der kaiserliche Schutzherr erfolgreich, die Gemeinde blieb bestehen, natürlich auch als Steuerzahler an den Kaiser, z.B. für die neu eingeführte Krönungssteuer und den Goldenen Opferpfennig.

Im Ghetto entwickelte sich eine Parallelgesellschaft mit eigener Gesetzgebung, die im Memorbuch, dem Pinkas und dem Statutenbuch genau festgehalten war, eigener Zivilgerichtsbarkeit, eigenem Bildungssystem und eigener Steuererhebung für die Gemeindeaufgaben. Es bestand in Friedberg eine Rabbinerschule von hohem Rang, die auch von Prag, Worms und Köln beschickt wurde. Und selbstverständlich heiratete man untereinander bzw. war mit anderen jüdischen Gemeinden vernetzt. Damals lebten ca. 500 Juden im Ghetto, d.h. pro Wohnraum in der Regel 4 Personen. Die Bevölkerung machte 25% der Einwohnerschaft Friedbergs aus.

Im Zuge der Aufklärung begann der Weg in die Moderne, in Friedberg ablesbar an Schazmanns „Patriotischen Gedanken über den Zustand der Juden überhaupt,vorzüglich der Judenschaft in der Reichsstadt Friedberg“  von 1788. Anlässlich der steigenden Not in der Gemeinde – die vermögenden Juden wanderten nach Frankfurt und andere Metropolen ab und verarmte Landjuden strömten ein – das Wort vom „Dalles in Friedberg“ charakterisiert den Notstand   – machte er Vorschläge zur Integration. Durch Bildung, wirtschaftliche Gleichberechtigung und Freizügigkeit könnte das Elend gemildert und die jüdische Gesellschaft der christlichen angeglichen werden. Schazmann dachte schließlich an eine Assimilation, d.h. die jüdischen Besonderheiten würden im Laufe der Zeit schwinden. Das trat im 19 Jh. nach der Judenemanzipation in der Tat bei einigen modern denkenden und wohlhabenden Juden ein.

Die jüdische Erfolgsgeschichte der Familien Casella und Grödel, in Friedberg symbolisch ablesbar am ersten Friedberger Hochhaus, dem Schuhhaus Ehrlich, brachte wirtschaftlich begründete Judenfeindschaft. Und die wurde Ende des 19. Jahrhunderts aufgeladen durch den beginnenden rassischen Antisemitismus, in der Wetterau durch die Böckelbewegung. Jetzt wurden aus den Wirtschaftskonkurrenten Parasiten. Auch gelungene Integrationsbeispiele, das Engagement jüdischer Frauen bei der Kinderkrankenpflege im 1. Weltkrieg, der Kriegsdienst jüdischer Soldaten und die Fußballmannschaft des VfB Friedberg von 1932 vermochten dem Unheil nichts mehr  entgegenzusetzen. Über den Judenboykott 1933, die Nürnberger Gesetze, die Pogromnacht führte der Weg zur Deportation, in Friedberg am15./16. September 1942. An diesem Datum hielt Hoos seinen packenden Vortrag.

Nach dem Krieg begann nach Jahren des Schweigens maßgeblich durch ihn veranlasst die Spurensuche mit schönen Ergebnissen: Einladung der Überlebenden durch die Stadt 1992, Neugestaltung des Synagogenplatzes und des jüdischen Friedhofs an der Ockstädter Straße und die große Ausstellung im Wetterau-Museum „Fragmente jüdischen Lebens in Friedberg“. Wichtig ist, dass der letzte Überlebende der Friedberger Jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Rosenthal, noch erleben konnte, dass es in Friedberg 3 Straßennamen gibt, die an Friedberger Juden erinnern, die Hirsch- Buxbaum- und Ehrmannstraße. Das letzte Bild zeigte Dr. Rosenthal vor dem Straßenschild der Heinrich-Ehrmann-Str. Die zahlreichen Zuhörer dankten Hans- Helmut Hoos für diesen sehr eindrucksvollen Vortrag mit anhaltendem Beifall

 

Hans Wolf

Vgl. Wetterauer Zeitung 23.9.2016