Dr. Lindenthal, Römische Geschichte in Friedberg

250 Jahre römische Geschichte in Friedberg

Teil 2 der Friedberger Stadtgeschichte beim Geschichtsverein

 

Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal referierte beim Friedberger Geschichtsverein über die  Epoche der Römer in Friedberg. Die erneut sehr gut besuchte Veranstaltung stellte den zweiten Teil einer Vortragsreihe des Vereins zur 800 – Jahr-Feier der Ersterwähnung der Burg im Jahre 1216 dar. Einführend betonte der Kreisarchäologe die besondere Bedeutung der frühen Heimatforscher wie Philipp Dieffenbach und Dr. Theodor Goldmann für die systematische Erforschung der Friedberger Vorgeschichte sowie der Gründung des Friedberger Geschichtsvereins und den Aufbau des Wetteraumuseums. Gerade Letzteres stellt nach wie vor mit seinen überaus reichen römischen Sammlungen einen hervorragenden Schatz für Friedberg, die gesamte Region und weit über Hessen hinaus dar.

 Römische Gefäße, gefunden unter dem Elvis-Presley-Platz, aus: Hessen Archäologie 2015

Römische Gefäße, gefunden unter dem Elvis-Presley-Platz, aus: Hessen Archäologie 2015

Anhand einer geologischen Karte Friedbergs und eines LIDAR-Scans mit den archäologischen Fundstellen derWetterau machte Dr. Lindenthal deutlich, welch günstige siedlungsgeographischen Vorteile Friedberg mit seinem Burgberg und die Wetterau seit jeher geboten haben. Als mit dem Ende der spätkeltischen Zeit, etwa 40 bis 10 v.Chr., die Bad Nauheimer Saline zum Erliegen kam, bildeten schon die drei großen Volksgruppen Kelten, Germanen und Römer im Gebiet der Wetterau für die geschichtliche Bewertung eine „ komplexe Ausgangslage“.

Bereits unter dem Feldherren Drusus wurde 10 v.Chr. in Rödgen ein bedeutendes Versorgungslager errichtetet; im Laufe einer weiteren Phase der augusteischen Eroberungskriege  kamen die Römer  auch nachweislich um 10 n. Chr. auf  Friedberger Gebiet.

Dies ist durch einen Münzfund auf dem Burgberg belegt. Weitere Marschlager der Germanenfeldzüge, von Mainz kommend,  werden noch im Raum Friedberg/Bad Nauheim vermutet. Die jüngsten Ausgrabungen „Am Steinern Kreuz“ lassen zumindest auf ein solches Lager aus dieser Zeit schließen. Das Lager besaß eine Größe von etwa 17 ha und bot somit Platz für eine halbe Legion bzw. 3000 Mann. Bisher wurden in diesem Areal 30 Brotbacköfen entdeckt. Dr. Lindenthal belegte anhand von Bildmaterial die typischen Wehrgräben mit Wall und Schanzpfählen. Jeder Legionär musste wohl zwei Schanzpfähle beim Marsch stets mit sich führen. Trotz zahlreicher Funde im Bereich der Burg und der Kaiserstraße findet sich noch kein Hinweis, dass dieses Lager mit dem geographischen Begriff „Taunus“ und einem Kastell auf dem Burgberg in Zusammenhang steht.

Dr Jörg Lindenthal

Kreisarchäologe Dr. Lindenthal

Nach den Feldzügen des Germanicus im Zusammenhang mit der verlorenen Varusschlacht erlosch ab 16 n. Chr. zunächst die  römische Expansionspolitik  in unserem Raum. Erst gegen Ende der 70er Jahre n.Chr. errichteten die Römer eine militärische Anlage, in der bis um 89 n. Chr. die 1. und 4. Aquitanerkohorte mit je 500 Mann stationiert war.  Die nächste sicher belegte Einheit ist die 1.Damaszenerkohorte, eine berittene 1000 Mann starke Spezialeinheit von Bogenschützen aus Syrien. Die Wetterau und damit auch Friedberg wurde fester Bestandteil des römischen Imperiums, das nun durch den Limes und seine Kastellen  gesichert wurde. Das Kastell und sein Lagerdorf (vicus) erlebten bis etwa 230 n.Chr. eine weitgehende Phase der friedlichen Koexistenz zwischen Germanen und Römern, in der sich Friedberg erstmals zu einem Marktflecken entwickeln konnte. Zahlreiche Funde wie das Badegebäude in der Burg, das bereits 1894 ausgegrabene Mithrasheiligtum in der Großen Klostergasse oder repräsentative Gebäude unter der ehemaligen Brauerei Windecker weisen auf diese Blütezeit hin.

Auch außerhalbder Kernstadt  wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder herausragende Funde wie der Achtecktempel oder die Gutshöfe an der Pfingstweide gemacht. Sie lassen erahnen, wie gut die Lebensbedingungen zu dieser Zeit im Limesbogen gewesen sein müssen. Den Niedergang der römischen Kultur in der Wetterau belegt das Jahr 233, als erstmals die Alamannen bei ihren Raubzügen Limeskastelle überfielen und  niederbrannten.  Aus dieser Zeit stammt der bedeutende Münzschatz von Ober-Florstadt, der im Wetteraumuseum ausgestellt ist. Die Römer erlangten zwar danach erneut die Oberhoheit über unser Gebiet, ohne aber dabei alle Gebäude wiedervollständig aufzubauen. Dennoch ging das Zivilleben weiter, belegt durch den  Fund eines römischen Meilensteins in Friedberg. Interessant ist, dass dieser Stein die keltisch-gallische Maßeinheit „ Leuga“ aufweist und exakt die Entfernung von 10 Leugen (22.18 km) zum Civitas-Hauptort Nida (Frankfurt-Heddernheim) angibt. Die Inschrift weist auf das erste Jahr der Herrschaft des Kaisers Decius hin, so dass die Errichtung des Leugensteins für die Jahre 249-251 n. Chr. anzusetzen ist. Somit handelt es sich nach dem bisherigen Forschungsstand um eine der letzten Inschriften, die im  Rechtsrheinischen bisher gefunden wurde. Es muss davon ausgegangen werden, dass bis zum endgültigen Fall des Limes um 260 n.Chr. die Infrastruktur zumindest noch zehn Jahre intakt gewesen sein muss.

Auch mit den letzten Funden bei Grabungen im Stadtzentrum mit den typischen römischen Streifenhäusern, den Töpferöfen und der Apollo gewidmeten Inschrift unter dem Neubau der Musterschule  machte Dr. Lindenthal hervorragend die Bedeutung Friedbergs und der Wetterau für die Archäologie deutlich. Dafür dankten die Besucher mit lang anhaltendendem  Applaus.                                                                                                                    ( Achim Meisinger )

Vgl. Wetterauer Zeitung 26.2.2016