Viertagefahrt Oberfranken

Die diesjährige Viertagefahrt des Friedberger Geschichtsvereins führte in das Dreiländereck Oberfranken, Vogtland und Egerland. Hans Wolf führte an 15 Stationen in dieser Region in der Mitte Europas, die erst nach dem 2. Weltkrieg durch Grenzverläufe ins Abseits geriet. Erinnerungsorte für historisch bedeutsame Entwicklungen, wirtschaftliche Entwicklung, hervorragende Architektur, berühmte Literaten (Bayreuth: Jean Paul, einst von Frauen umjubelt; Marienbad: Goethe), den polarisierenden Opern- Neugestalter Wagner, die europaweit agierende Theaterleiterin- und Reformerin Neuber, die jung mit ihrem Liebhaber aus dem Elternhaus in Reichenbach floh, wurden lebendig.

Ausgangspunkt war die Residenz der fränkischen Markgrafschaft „ob dem Gebirge“, 1603 von den Hohenzollern nach Bayreuth verlegt. Markgräfin Wilhelmine, die Schwester Friedrichs des Großen, startete in der Provinz ein Bauprogramm, in dem die Eremitage und das Naturtheater im nahen Sanspareil mit prächtigen Landschaftsparks den Rückzug in die Natur kunstvoll inszenierten. Vom UNESCO- Welterbe Rokokotheater bis zu Wagners Wohnsitz Wahnfried  wird in der Stadt viel restauriert.

Vom Zisterzienserorden ging die Besiedlung des Vogtlandes aus. Bei der Kirchweihe der Abtei Waldsassen war Barbarossa höchstpersönlich anwesend. In ihrer Stiftsbibliothek tragen geschnitzte Figuren die Galerie als Sinnbilder menschlichen Fehlverhaltens, dem durch das Studium theologischer Schriften begegnet werden soll. In malerischer Landschaft verdeutlicht die Wallfahrtskirche Kappl in Architektur und Ausstattung ihr Thema Dreifaltigkeit.

Himmelkron bietet künstlerisch gelungene Epitaphien aus der Gründerfamilie und eine muszierende Engelsschar im Kreuzgang. Markneukirchen im Musikwinkel des Vogtlandes entwickelte sich, nachdem böhmische Exulanten im 16. Jahrhundert den Geigenbau mitbrachten, zu Europas Zentrum des Musikinstrumentenbaus und präsentiert viele Raritäten in einem prämierten Museum.

Plauens Bedeutung als Handelsstadt verdeutlicht der riesige Rathauskomplex mit seinem hohen Turm, zum Markt hin mit prächtigem Renaissancegiebel, zum Graben hin mit scheußlicher Glasfassade aus DDR- Zeiten. An älteren, gut in Schuss gehaltenen Maschinen demonstrierten ehemalige Mitarbeiter die schwere, höchste Konzentration fordernde Spitzenstickerei. Generell litt die Region unter einseitiger Ausrichtung ihrer Industrie, z.B. auf Pechsiederei und Textilien. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Eisenbahnbrücke im Göltzschtal die Entwicklung voran: 574 m lang, 78 m hoch, mit 26 Millionen Ziegeln in drei Etagen erbaut, wobei die mittleren Bögen fast 31 m Spannweite haben, weil sonst die Pfeiler keinen Grund gefunden hätten.

Das Land der Vögte litt unter vielen Teilungen, in Greiz liegen zwei Schlösser unterschiedlicher Linien am selben Berghang.  Die alte oberfränkische Residenz und Brauereimetropole Kulmbach überragt die Plassenburg mit ihren Renaissanceflügeln zum riesigen Innenhof. Auf mehreren Etagen sind die Vitrinen voller Zinnfiguren, die meist wichtige historische Ereignisse in Dioramen wiedergeben.

Vom Quartier in Bad Elster, Kurort der reichen Sachsen, war es unter einheimischer Reiseführung nicht weit zu den böhmischen Bädern. Bad Königswart wurde ab 1820 Sitz des Fürsten Metternich und seiner Kunstsammlung, im mondänen Marienbad sind 200 Jahre Bäderarchitektur gut erhalten. Hier buhlte der 74 jährige Goethe vergeblich um die 19jährige Ulrike von Levetzow. Die Reichsstadt Eger war eine wichtige Kaiserpfalz der Staufer, hier wurde  Wallenstein, gefürchteter Führer einer Privatarmee, des Komplotts verdächtigt und ermordet. Die Ereignisse im Egerland nach dem 2. Weltkrieg, die Ausweisung der Sudetendeutschen und die Besatzung erst durch Amerikaner, dann durch Russen, führen direkt in die Zeitgeschichte und zu aktuellen Debatten.

Aus dem Kreis der Teilnehmer steuerte ergänzend Dipl.- Geograf  Meisinger wertvolle geologische Informationen bei, die mit anschaulichem Kartenmaterial und Gesteinsproben die Millionen Jahre der Erdentwicklung in Spessart, Maintal, Steigerwald und Vogtland erschlossen. Dort im Gebiet der Elstereiszeit ereignen sich häufig weniger schädliche  Erdbeben. Architekt Bender erläuterte den Wasserturm von Reichenbach mit seinen Art- Deco- Elementen.

Die Teilnehmer dankten Herrn Wolf  für Planung und Durchführung der abwechslungsreichen Fahrt. Für ihre Wiederholung vom 10.-13.9. können beim Friedberger Geschichtsverein noch Plätze gebucht werden.

Lothar Kreuzer

Vgl. Wetterauer Zeitung 12.6.2015