Schüpke, Glasmaleratelier Linnemann Stadtkirche Friedberg

Referentin Bettina Schüpke

Referentin Bettina Schüpke

Im letzten Vortrag des Jahres referierte Bettina Schüpke beim Friedberger Geschichtsverein im Bibliothekszentrum Klosterbau über das Glasmalerei-Atelier Linnemann. Das einst in Frankfurt ansässige Atelier spielt für die Friedberger Stadtkirche eine besondere Rolle, da mehr als die Hälfte der heute erhaltenen großen Fenster aus diesem Atelier stammen.

Im ersten Teil ihres Vortrags ging die Referentin auf die Tätigkeit des Ateliers im Allgemeinen ein, um im zweiten Teil detailliert die vom Atelier Linnemann zwischen 1899 und 1904 sowie 1916/18 für die Stadtkirche geschaffenen Fenster vorzustellen. Schüpkes Erkenntnisse basieren vor allem auf der Aufarbeitung und Erforschung des umfangreichen Linnenmann-Archivs im Rahmen ihrer Dissertation. Das im Familiennachlass befindliche Archiv umfasst etwa 1.400 kleinformatige, meist farbige Entwurfsskizzen, circa 500 Kartonrollen in Größe der Fenster, bestehend aus über 3.000 Einzelbahnen, sowie rund 1.600 Glasplattennegative. Damit ist das Archiv eine wahre Fundgrube zur Dokumentation des erhaltenen wie auch des durch Kriegsschäden stark dezimierten Werkes der Linnemann-Werkstatt.

Gegründet wurde das Glasmalerei-Atelier 1889 in Frankfurt am Main von Alexander Linnemann (1839-1902), der sich

Entwurf für das im Jahr 1900 ausgeführte „Weihnachtsfenster“ (Zentralarchiv der EKHN, Darmstadt)

Entwurf für das im Jahr 1900 ausgeführte „Weihnachtsfenster“ (Zentralarchiv der EKHN, Darmstadt)

nach einem Architekturstudium in Berlin zunächst als Architekt betätigte und sich dann verstärkt dem Kunsthandwerk, der Wandmalerei und dem Entwurf von Glasmalereien zuwandte. In das Atelier traten nach ihrem Architektur- bzw. Kunststudium auch seine beiden Söhne Rudolf (1874-1916) und Otto (1876-1961) ein, die die Werkstatt auch nach dem Tode ihres Vaters 1902 weiterführten – zunächst gemeinsam und nach dem Tod von Rudolf Linnemann im Ersten Weltkrieg durch Otto allein (bis 1955).

Von seinen Zeitgenossen wurde Alexander Linnemann als „Wiederentdecker“ der mittelalterlichen Glasmalereitechnik bezeichnet. Große Erfahrung erwarb Linnemann auf dem Gebiet der Restaurierung mittelalterlicher Glasmalereien (Leonhardskirche in Frankfurt, Erfurter Dom,  Elisabethkirche in Marburg u.a.). Seine Werkstatt wurde mit zahlreichen Glas- und Wandmalereien für zahlreiche repräsentative Sakral- und Profanbauten in ganz Deutschland beauftragt, zum Beispiel für die Hedwigskirche in Berlin, die Dome in Bremen, Magdeburg und Mainz sowie den Berliner Reichstag und das Leipziger Reichsgericht. Das Atelier Linnemann wurde zu einer der bedeutendsten Werkstätten im ganzen Deutschen Reich. Linnemann selbst galt zusammen mit Fritz Geiges als der wichtigste Glasmaler seiner Zeit.

In Friedberg wurde Alexander Linnemann zunächst als Restaurator tätig, als es darum ging, die mittelalterlichen Glasmalereien im Chor zu restaurieren, die sich in einem „verwahrlosten Zustand“ befanden. Linnemann begann 1890 mit dem mittleren Chorfenster mit der zentralen Darstellung Mariens mit dem Jesuskind. Die Restaurierung wird in der Forschung teilweise kritisiert, da Köpfe von Heiligen ausgetauscht und nachgemalt wurden. Alte Fotografien zeigen allerdings, wie zerstört und angegriffen manche Glasmalereien waren, teils waren keine Gesichter mehr zu erkennen, so dass diese neu gemalt werden mussten. Linnemanns Bestreben war es, ganz im Sinne des 19. Jahrhunderts, dass kein Unterschied zwischen den neuen und den alten Glasmalereien zu erkennen sein sollte. Dabei wurde auch der teilweise Verlust der Originalsubstanz in Kauf genommen.

Die umfangreiche Ausstattung der Friedberger Stadtkirche mit neuen Glasmalereien steht in engem Zusammenhang mit der grundlegenden Sanierung der einsturzgefährdeten Ostteile der Stadtkirche, die 1895 beschlossen und im folgenden Jahr begonnen wurde. Im Zuge der bis 1901 abgeschlossenen, vom Architekten Hubert Kratz geleiteten Restaurierung wurden Chor und Querhaus vollständig abgetragen, neu fundamentiert und wieder aufgebaut. Bereits 1897 kam dabei der Wunsch auf, die Kirche vollständig mit farbigen Glasmalereien auszustatten.

Zuerst sollten die drei spätmittelalterlichen Chorfenster restauriert und die bis zur Wiedererrichtung des Chores vermauerten seitlichen Chorfenster mit neuen Glasmalereien versehen werden. Aber auch das Querhaus sowie das zu dieser Zeit blankverglaste Langhaus, das im Mittelalter vermutlich ebenfalls mit farbigen Glasfenstern ausgestattet war, sollten neue Glasmalereien erhalten. So würde die Kirche nach Vollendung aller Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten ganz im Geist der Zeit als Gesamtkunstwerk vollendet werden. Um das ehrgeizige Projekt zu finanzieren, wurde zu unterschiedlichsten Mitteln gegriffen, angefangen bei Lotterien und Versteigerungen bis hin zu namhaften Stiftungen Friedberger Familien, aber auch des hessischen Großherzogs, der Zarin und Kaiser Wilhelms II.

Die Referentin stellte im Folgenden in chronologischer Reihenfolge jedes einzelne Fenster der insgesamt 15 ausgeführten Fenster vor, nannte Thema, Stifter und die wichtigsten Daten vom Auftrag bis zum Einbau vor Ort. Besonders aufschlussreich war dabei jeweils die Gegenüberstellung von Entwurf und ausgeführtem Fenster, verbunden mit einer Beschreibung des Inhalts und Hinweisen zu Veränderungen innerhalb dieses Prozesses. Besonders reizvoll war es, die Entwürfe der beiden im Zweiten Weltkrieg zerstörten nördlichen Querhausfenster zu sehen, mit den Themen Taufe und Abendmahl, die in den 1960er Jahren mit Glasmalereien von Charles Crodel erneuert wurden. Die letzten Fenster wurden erst nach dem Tod Alexander Linnemanns im Jahr 1902 geliefert. Danach entstand eine längere Pause bis zur Vollendung des letzten, Martin Luther gewidmeten Fensters im Jahr 1918, nunmehr durch Otto Linnemann. Der Friedberger Zyklus der Linnemann-Fenster gehört heute zu den wenigen großen erhaltenen Zyklen des Glasmalerei-Ateliers.

Johannes Kögler

Vgl. Wetterauer Zeitung 6.1.2016