Presse 2014 Kinzigtal

Ein zweites Mal führte Hans Wolf den Friedberger Geschichtsverein ins Kinzigtal. Entlang der alten Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig, auf der man früher für diese Strecke auf unbequemem Kopfsteinpflaster 14 Tage benötigte, besuchte man den oberen Teil.
Wächtersbach am Südrand des Büdinger Waldes war eine von den Staufern gegründete Wasserburg des alten Hauses Büdingen, in der Reichsministeriale als Forstmeister ihren Sitz hatten und das alte Königsland Wetterau sicherten, wie auch Gelnhausen, Büdingen und Friedberg. Das gotische Fachwerkrathaus zeugt von der Bedeutung des Ortes, dem die Eisenbahn später einen Aufschwung bescherte, am Vierflügelbau des Schlosses werden die Probleme der Nachfahren mit dem Unterhalt des Besitzes offenbar. Der gotische Saal der im Fachwerkstil errichteten Marienkapelle beherbergte ab 1703 die Lateinschule. Der 1514 erbaute Turm nebenan war städtischer Besitz, später durch die Fürstenempore mit der Kirche verbunden.
Soden blieb als katholische Exklave im Besitz der Abtei Fulda. Es verdankt seine Bedeutung den salzhaltigen Quellen, auch heute noch die Basis des Kurbetriebs. Mit der Burg Stolzenberg hatte es die Familie Hutten seit 1299 zum Lehen, bis Lukas von Hutten 1556 das Renaissanceschloss im Tal errichten ließ. Frowin von Hutten war im 14. Jahrhundert Burgmann in Friedberg. Lange war Soden an Mainz abgegeben, die Soleförderung deshalb zugunsten Bad Orbs eingeschränkt. Der Ortsteil Salmünster des heutigen Doppelortes ist nicht nur wegen der Frauen berühmt, die im Dreißigjährigen Krieg anrückende Schweden mit Bienenkörben abwehrten, während ihre Männer mit der Ernte beschäftigt waren, sondern auch durch einen bis nach Rom getragenen Streit um die Nutzung des Kirchenstuhls durch die Familien Schleifras und Hutten. Am Ort, lange geprägt von den Franziskanern, unterhält die katholische Kirche heute ein Bildungs- und Exerzitienhaus.
Steinau an der Straße gilt als der Erinnerungsort der Brüder Grimm. Hierher in seinen Geburtsort war der Vater Grimm als Amtmann in die Nebenverwaltung der Hanauer Grafen versetzt worden. Im Hof des Amtshauses ließ Hans Wolf einige der intensiven Erinnerungen der Brüder an ihre Steinauer Kindheit mit streng reformierter Erziehung und Hausarbeit lebendig werden. Durch den Tod des Vaters verarmte die Familie, die Kinder bezeugten Hochachtung vor ihrer Mutter. Im Renaissancestil errichteten die Herren von Hanau- Münzenberg das Schloss dort neu, wo es vor 1200 schon eine Burg gab. Eine Führung vermittelte einen Einblick in die Prunksäle, das Leben am Hof, den Küchentrakt und über die Sammlungen aus dem Familienbesitz der Grimms und den Fundus des Marionettentheaters.
Das von den Karolingern gegründete Kloster Schlüchtern beherbergt heute die Landeskirchenmusikschule Kurhessens. Die Herren von Hutten waren lange als Vögte Schutzherren. Der Humanist Lotichius prägte den Ort in den Zeiten der Reformation. Fuhrleute erzielten gute Einkünfte durch die Dienste an der Steigung der Handelsstraße; bis zu 90 Vorspannpferde wurden gehalten. Die Synagoge ist Sinnbild einer florierenden jüdischen Gemeinde.
Schloss Ramholz, 1883 vom Großindustriellen Stumm aus Völklingen erworben und erweitert, heute im Besitz seiner Nachfahren, war einst auch ein hanauisches Lehen der Familie Hutten. Nach köstlichem Kuchen in der Orangerie wanderte der Geschichtsverein – die älteste Teilnehmerin mit über 90 Jahren – auf den Steckelsberg (steiler Berg). Die 1131 erbaute Reichsburg ließ Rudolf von Habsburg nach Kämpfen, in die auch Friedberg eingebunden war, schleifen. Im 14. Jahrhundert bauten die neuen Herren von Hutten die Burg als ihren Stammsitz wieder auf. Hier oben im Hof der Burg, auf der Ulrich von Hutten, der berühmteste Sohn der Familie 1488 geboren wurde, beschloss Herr Wolf an authentischem Ort den Tag mit einem Überblick über dessen unstetes Leben als Ritter, Humanist und Publizist. Mit ausführlichen Zitaten kam der entschiedene Pfaffenfeind und Gegner der Scholastik als Zeuge eines überholten Ritterlebens zwischen Pulvergestank und Hundedreck sprachgewaltig zu Wort.