Margaretha Boockmann und Prof. Andreas Lehnhardt: Funde im Stadtarchiv bringen Forschungsprojekt auf den Weg

Wetterauer Zeitung, 26.4.2008

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Puzzlespiel: Margaretha Boockmann und Prof. Andreas Lehnhardt berichten vor dem Geschichtsverein über hebräische Einband- und Makulaturfragmente

von Katja Augustin

 

Margaretha Boockmann und Prof. Andreas Lehnhardt

Puzzlespiel im Stadtarchivv

Hebräische Einband- und Makulaturfragmente im Stadtarchiv Friedbergg

Der letzte Vortrag des Friedberger Geschichtsvereins vor der Sommerpause war einem großen Forschungsvorhaben der Universität Mainz gewidmet, das seinen Ausgangspunkt 2007 im Friedberger Stadtarchiv genommen hatte. Seit etwa einem Jahr erforscht hier die aus Göttingen stammende und an der Universität Heidelberg tätige Judaistin Margaretha Boockmann hebräische Handschriften, die die Jahrhunderte in Form teils winziger Einband- oder Makulaturfragmente überdauert haben.

Die Initiative zu dem ambitionierten Vorhaben ging seinerzeit von Prof. Dr. Andreas Lehnardt aus, der anlässlich eines Besuches im Stadtarchiv auf hebräische Neufunde gestoßen war, die Hoffnungen auf weitere interessante Entdeckungen machten. Als gemeinsames Förderprojekt der Stadt Friedberg, des Friedberger Geschichtsvereins und der Universität Mainz wurde daraufhin als gesondertes Forschungsvorhaben die Inventarisation aller hebräischen Handschriftenfragmente im Stadtarchiv Friedberg begonnen. Mit den hier und in den Stadtarchiven von Mainz und Trier gewonnenen Erkenntnissen gelang zwischenzeitlich die Etablierung eines eigenständigen Forschungsprojektes der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) „Genizat Germania“ ( www.genizatgermania.uni-mainz.de) Johannes Gutenberg-Universität Mainz, das sich die Inventarisation sämtlicher hebräischer Einband- und Makulaturfragmente in Deutschland zum Ziel gesetzt hat.

In einem kurzen Überblick skizzierte zunächst Prof. Dr. Lehnardt das Forschungsvorhaben, das auf Grundlage der vollständigen Katalogisierung eine regional aufgegliederte Übersicht der in dieser Form eher zufällig erhaltenen jüdischen Literatur in Deutschland erstellen möchte. Auf diesem Umweg hofft man, neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung der „Bibliothek“ des aschkenazischen (d.h. westeuropäischen) Judentums am Ausgang des Mittelalters zu gewinnen. Welche Texte wurden wo und wie häufig verwendet? Möglicherweise eröffnen sich so neue Einsichten über die intellektuelle und religiöse Identität der Juden in Deutschland und in ganz Europa am Ende des Mittelalters.

Nach jüdischem Religionsgesetz sind religiöse Schriften, insbesondere, wenn sie den Gottesnamen, das nicht ausgesprochene Tetragramm, enthalten, heilig – sie erfahren eine dauerhafte Deponierung in einer sog. Geniza, einem Abstellraum oder „Schatzkammer“ oft in unmittelbarer Nähe der Synagoge, um sie so vor weiterer Profanierung zu schützen. Unter diesen Vorzeichen erscheint die gehäufte Zweitverwendung wahllos zerschnittener hebräischer Schriften als Hefthilfe oder Umschlag für Akten besonders erstaunlich. Sofort möchte man an Raub und Diebstahl denken, die zum Missbrauch der liturgischen Handschriften führten. Und tatsächlich kam es in der Geschichte immer wieder zu solchen Übergriffen, etwa im Zuge des sog. Fettmilch-Pogroms in Frankfurt von 1612-1616, als viele nun herrenlos gewordene Manuskripte jenseits der Legalität zu hohen Preisen verkauft wurden. Wie Prof. Lehnardt ausführte, muss jedoch nicht automatisch von solchen Gewaltakten ausgegangen werden. Er betonte vielmehr, dass vielerorts die Pergamente nach der Einführung des Buchdrucks und der größeren Verfügbarkeit von Papier durchaus auch auf legalem Wege manchmal sogar durch jüdische Händler in den Handel gelangten und als wertvolles und wegen seiner hervorragenden Eigenschaften geschätztes Gut reiche Verwendung fanden. So haben hebräische Handschriftenfragmente z.B. auch als Trommelfell oder als Behelf zum Flicken von Schuhen, Orgelpfeifen und sogar zum Ausbessern von Skulpturen die Jahrhunderte überdauert.

Die Fragmente aus dem Friedberger Archiv stammen wohl nicht alle aus der Stadt selbst. Sie wurde teilweise auch von zugezogenen Juden aus dem Umland mit hierher gebracht, allesamt entspringen sie jedoch dem aschkenazischen Raum. Die frühesten Stücke reichen noch bis in das 13. Jahrhundert zurück. Eine genaue Datierung ist jedoch, wie Frau Boockmann anschließend in ihrem reich bebilderten Referat erläuterte, nur sehr schwer möglich, weil sich auf den Fragmenten direkt keine Daten finden und die hebräische Quadratschrift seit dem 11./12. Jahrhundert bis heute nahezu unverändert blieb. Anhand der Akten, die mit den Pergamenten eingebunden wurden, lässt sich jedoch zweifelsfrei feststellen, dass die Manuskripte erst zwischen 1604 und 1670 als Makulatur- und Einbandmaterial zweckentfremdet wurden. Der Schwerpunkt lag dabei in der Zeit des 30-jährigen Krieges. In die Handschriften eingebunden wurden Steuerberechnungen, Rentrechnungen, Rechnungsbücher der Stadt und des Heilig-Geist-Spitals sowie des Leprosorums.

Für uns mutet es geradezu grotesk an, mit welcher Rücksichtslosigkeit wunderbare, mit äußerster Sorgfalt und Präzision gestaltete Handschriften vollkommen willkürlich zerschnitten und verarbeitet wurden, als ganzer oder halber Umschlag, als Verstärkung der Heftung oder des Rückens. Für die ganzen Umschläge wurden mit Vorliebe Thorarollen oder voluminöse Feiertagsgebetbücher (Machsorim) verwandt, weil aus ihnen große, zusammenhängende Stücke geschnitten werden konnten.

Die enorme Vielfalt der mit Hilfe der Fragmente nachweisbaren Werke und die außerordentlich große Zahl von Funden macht die Friedberger Sammlung singulär. Vor dem Forschungsprojekt waren bereits 84 hebräische Handschriftenfragmente aus dem Archivbestand bekannt, sie wurden 1965 von Rabbiner Ernst Róth katalogisiert. Die akribische Recherche von Margaretha Boockmann förderte nun weitere 147 Neufunde zutage – ein Zuwachs, den selbst Experten nicht in dem vergleichsweise überschaubaren Archiv vermutet hatten.

Wie Prof. Lehnardt abschließend besonders hervorhob, bietet – nachdem der größte Teil der jüdischen Altertümer Friedbergs im Zweiten Weltkrieg verloren ging – die nun wiederentdeckte und erschlossene Geniza im Stadtarchiv neben der einzigartigen mittelalterlichen Monumentalmikwe den zweiten beeindruckenden Nachweis für die außerordentliche Bedeutung der Jüdische Gemeinde in Friedberg, die um 1600 immerhin nahezu 400 Mitglieder zählte. Mit einem herzlichen Dank an die Stadt Friedberg und an den Friedberger Geschichtsverein, die beide das Projekt durch ihre großzügige finanzielle Förderung möglich gemacht haben und an die MitarbeiterInnen des Friedberger Stadtarchivs schlossen die beiden Referenten ihre Präsentation.

Dass diese bislang von der Forschung und der Öffentlichkeit kaum beachtete Fragestellung anschaulich und nachvollziehbar präsentiert, ungemein spannend und interessant sein kann und Einblicke in eine alte aber weitgehend unbekannte Welt eröffnet, zeigte die anschließende angeregte Diskussion mit dem sehr interessierten Publikum, aus der einige bemerkenswerte Anregungen für die weitere Erforschung des Themas hervorgingen.

Katja Augustin

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