Dr. Lindenthal, Archäologische Sammlung Wetterau- Museum

Mit seinen Pfunden wuchern

Kreisarchäologe Dr. Lindenthal spricht beim Friedberger Geschichtsverein über herausragende Funde im Wetterau-Museum

Anlässlich des 100jährigen Bestehens des Wetterau-Museums im vergangenen Jahr holte Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal nunmehr seinen coronabedingt verschobenen Vortrag beim Geschichtsverein über Fundstücke des Museums nach. Er betonte dabei, dass dieses über eine Fülle spektakulärer Gegenstände mit außerordentlich hoher Qualität aus vielen vor- und frühgeschichtlichen Epochen verfügt. Dieser Sachverhalt sei für eine Stadt in der Größenordnung Friedbergs sehr ungewöhnlich und bemerkenswert und stehe in engem Zusammenhang mit den reichhaltigen Grabungsergebnissen in der Archäologie-Landschaft Wetterau. Dr. Lindenthal empfahl dem Museum und der Stadt dringend, mit „diesen Pfunden zu wuchern“. Die ältesten Funde stammen aus Münzenberg. Hier konnten in eiszeitlichen Schottersedimenten mehrere tausend altsteinzeitliche Geröllgeräte der „Münzenberger Gruppe“ aufgedeckt werden, die bereits industriell gefertigt wurden. Ihr Alter darf aufgrund des geologischen Befundes auf etwa 500000 Jahren in das Zeitalter des „Homo erectus“ datiert werden, sie sind somit 250 000 Jahre jünger als die Werkzeuge der Neandertaler. Auch Friedberg bietet eine große Vielfalt an frühgeschichtlichen Fundstücken. Unmittelbar an der Kaiserstraße in der Nähe der ehemaligen Lackfabrik und in einer früheren Ziegelei wurden Urnen und Töpfe aus der Zeit der Bandkeramiker gefunden. Interessant ist auch, dass für das gesamte Stadtgebiet die vollständige Bandbreite dieser Kulturstufe abgebildet werden kann. Ursprünglich stammen die Bandkeramiker aus dem Raum des „fruchtbaren Halbmondes“ an Euphrat und Tigris, sie sind etwa 5000 v.Chr. auf der Trasse der heutigen Balkanroute als Ackerbauern und Viehzüchter nach Mitteleuropa eingewandert. Am Ortsrand von Bruchenbrücken werden seit vielen Jahren Grabungen durchgeführt. Mittlerweile hat dieser prominente Fundort eine komplette bandkeramische Siedlung mit einem großen Dorfplatz zu Tage gefördert. Es wurde festgestellt, dass diese Siedlung meist etwa 18 Menschen ein Zuhause bot, die in der Lage waren, etwa 9 ha landwirtschaftlich zu nutzen. Stolz kann das Museum auch auf seine Sammlung von „Tonidolen“ aus den Grabungen von Nieder-Mörlen sein, die als ein erstes Auftreten von Kunst in der Jungsteinzeit angesprochen werden können. Die Sammlung ist einer Dauerleihgabe des Landesamtes für Denkmalpflege. Im Bereich des geplanten Rewe-Logistikzentrums bei Berstadt wurden unlängst 40 Häuser und verfüllte Brunnen der Rössener Kultur aufgedeckt. Dies ist als der größte zusammenhängende Fundplatz Deutschlands in dieser Zeitstellung (4400 v.Chr.) anzusehen.

Münzschatz Ober- Florstadt (Foto: Wetterau- Museum)

Der Wetterau-Limes, das Zentrum der Wetterau und der Kastellstandort Friedberg müssen innerhalb des römischen Reiches aufgrund der ausufernden Topographie als eine außergewöhnlich bedeutende Region gelten. Seit Beginn der archäologischen Tätigkeit 1840, die sehr eng mit dem Friedberger Geschichtsverein und der Augustinerschule in Verbindung zu bringen ist, wurden bis zum heutigen Tage immer wieder reichhaltige römische Funde gemacht. Der Referent nannte beispielhaft das 1849 entdeckte und 1881 durch Gustav Dieffenbach bzw. 1894 durch Theodor Goldmann ausgegrabene Mithräum und das 1963 aufgefundene kleine Badegebäude des Kastellkommandanten. Auch die Erforschung der Kapersburg zwischen 1878 und 1914 hat für das Wetterau-Museum schöne Fundstücke erbracht. Außerordentlich ist der „Münzschatz von Florstadt“, der 1984 im ehemaligen Kastell Ober-Florstadt entdeckt wurde. Er ist der umfangreichste römische Münzschatz nördlich der Alpen und mit seinen 1136 Silberdenaren eindrucksvoll im Museum präsentiert. Zum Abschluss des sehr anschaulichen Vortrages hob Dr. Lindenthal nochmals hervor, dass im Zuge der Menschheitsgeschichte die Wetterau aufgrund der außerordentlich guten Bodengegebenheiten und der Klimagunst, verbunden mit der idealen Verkehrslage in sämtlichen Epochen stets Dreh-und Angelpunkt der Siedlungstätigkeit war.

(Achim Meisinger)

siehe Wetterauer Zeitung 16.10.2021

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