Vortrag Dücker zu Wilhelm Diehl und Mitgliederehrung

Wilhelm Diehl – ein Friedberger Kirchenmann zwischen Demokratie und Gleichschaltung

Dr. Joachim Meißner

Wilhelm Diehl

Es besteht keine Staatskirche. Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig.“ So heißt es in Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Was für uns heute wenig spektakulär klingt, war damals bahnbrechend. Nach Jahrhunderten der Bevormundung sind die Menschen nun frei, sich für oder gegen eine Konfession zu entscheiden oder ob sie überhaupt einer Religionsgemeinschaft angehören wollten. Wie es dazu kam, welche Rolle ein in Friedberg tätiger Pfarrer und Professor beim Aufbau einer demokratischen protestantischen Landeskirche in Hessen spielte und diesen wieder verspielte, war das Thema einer reich bebilderten Präsentation von Malte Dücker. Zeitlicher Ankerpunkt für die Vortragsveranstaltung im Klosterbau am letzten Donnerstag war der 9. November, also der Tag, an dem 1918 die Revolution in Deutschland die Monarchie hinwegfegte und durch eine Republik ersetzte.

Ins Zentrum seiner fundiert recherchierten Darlegungen stellte Malte Dücker mit Wilhelm Diehl, einen, so der Titel seines Vortrags, „Professor in Friedberg und Prälat einer Kirche zwischen Demokratie und Gleichschaltung“. Der in Friedberg heute kaum noch bekannte Wilhelm Diehl wird 1871 in Groß-Gerau geboren. Sein Studium der evangelischen Theologie führt ihn schließlich nach Friedberg ans großherzogliche Predigerseminar. Hier lernt er das praktische Rüstzeug für das evangelische Pfarramt, hier hält er auch seine ersten Predigten in der Burgkirche. Und hier wird er schließlich – nach einigen Umwegen – 1913 zum Professor berufen.

Wilhelm Diehl, das macht der Vortrag im Verlauf des Abends deutlich, war eine schillernde, ambivalente Persönlichkeit. Diehl war nicht nur Pfarrer und später auch Politiker, er betätigte sich auch als Publizist und Historiker. So leistete er im Urteil Malte Dückers, der Mitarbeiter im Dekanat des Fachbereichs Ev. Theologie und im Fachgebiet Kirchengeschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main ist, bei der Erforschung der hessischen Geschichte und Kirchengeschichte Pionierarbeit. Auf seine Initiative geht das „Evangelische Gemeindeblatt“ für Friedberg und Fauerbach zurück, das er auch zu lokalhistorischen Artikeln nutzte. In Friedberg beginnt er auch mit der Arbeit an seinem vielleicht größten wissenschaftlichen Werk: Der „Hassia Sacra“ – einer monumentalen, mehrbändigen Auswertung zahlreicher Kirchenbücher aus dem gesamten hessischen Raum.

Vortragender: Malte Dücker

Zur eigentlichen Herausforderung aber werden für Wilhelm Diehl die Ereignisse um die Novemberrevolution von 1918. Denn zur Zeit des Kaiserreichs standen die Landesfürsten an der Spitze der Kirchen. Mit dem Ende der Monarchie waren dem „landesherrlichen Kirchenregiment“ schlicht die Landesherren abhanden gekommen: Kaiser Wilhelm II. für Nassau und Frankfurt, Ernst Ludwig für das Großherzogtum Hessen. Zunächst gegenüber dieser Entwicklung skeptisch eingestellt, wusste Diehl die Situation für sich zu nutzen: 1923 wurde er zum Prälaten der hessischen Landeskirche gewählt und übernahm damit selbst die Repräsentationsfunktionen, die zuvor dem Großherzog zugefallen waren. Und der verband das Amt mit einer Vision: Der Vereinigung der getrennten „hessischen“ evangelischen Landeskirchen in einer „großhessischen Kirche“.

Um dieses Ziel zu erreichen, suchte Wilhelm Diehl nach 1933 das Bündnis mit den Nazis. Er ging davon aus, die neuen Machthaber und deren kirchenpolitische Ambitionen mit „vernünftigen Menschen“ unterwandern zu können. Doch er verkalkulierte sich, seine „Strategie“ ging nicht auf. Die Umsetzung seiner Vision einer „großhessischen Kirche“, für die Diehl so sehr gekämpft hatte, ging mit der Gleichschaltung faktisch im nationalsozialistischen Führerstaat auf. Frustriert, von den Nazis ins kirchenpolitische Abseits gedrängt, widmete sich der (zwangs-) pensionierte Prälat in den letzten Jahren seines Lebens wieder mit großer Akribie der Kirchengeschichtsforschung. 1944 starb er gemeinsam mit seiner Frau im Feuersturm der Zerstörung Darmstadts durch alliierte Bombenangriffe.

Mitgliederehrung des Friedberger Geschichtsvereins. Von links: Udo Messer, Annchen Paech, Edith Schnierle, Prof. Peter Schubert, Lothar Kreuzer

Das autoritäre System, das er auf diese Weise selbst mit heraufbeschworen hatte, wandte sich gegen ihn. Seine Entmachtung und sein Scheitern als Kirchenleiter erscheinen, so Malte Dücker in seinem Vortrag, vor diesem Hintergrund besonders tragisch. Sie können nach Auffassung des Referenten aber auch als Mahnung gegen die Vorstellung verstanden werden, man könne den politischen Extremismus als Bündnispartner gewis­sermaßen zähmen oder unterwandern. Eine Vorstellung, die heute wieder erschreckend aktuell erscheine.

Im Rahmen des Vortrags ehrte der Friedberger Geschichtsverein langjährige Mitglieder. Diejenigen, die seit 40 Jahren Mitglied sind, konnten leider ihre Urkunden nicht persönlich in Empfang nehmen: Unter ihnen Dr. Decker, ehemaliger Leiter des Archivs Isenburg-Büdingen, Frau Geipel, Zeitzeugin des Pogroms 1938, und der Wetteraukreis, wichtiger Partner bei Projekten und Veranstaltungen. Zum 25jährigen Jubiläum konnte der Vorsitzende Lothar Kreuzer mit Urkunden Udo Messer, Annchen Paech, Edith Schnierle und Prof. Peter Schubert ehren, während Christian Busse und Dr. Carl Ehrig-Eggert verhindert waren.

Vgl. Wetterauer Zeitung 26.11.2019

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