100 Jahre Frauenwahlrecht

Von selbstbewussten Frauen und „niedlichen Püppchen“
Vor 100 Jahren stellten sich in Deutschland und Friedberg erstmals Frauen zur Wahl 

Dr. Elke Schüller

Frauen in der Politik, das ist heute eine Selbstverständlichkeit. Allein im Friedberger Parlament sind zurzeit 15 Frauen als Stadtverordnete tätig, das ist ein Drittel aller Mandate. Vor gut 100 Jahren sah das noch ganz anders aus. Da mussten sich Frauen das aktive und passive Wahlrecht gegen den von vielen Vorurteilen getragenen Widerstand vor allem männlicher Politiker erst noch erkämpfen. Wie steinig dieser Weg war, das unterstrichen eindrucksvoll die Vorträge der Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Dr. Elke Schüller und des Vorsitzenden des Friedberger Geschichtsvereins Lothar Kreuzer. Anlass der Vortragsveranstaltung im Klosterbau am letzten Donnerstag war der erste Gang an die Wahlurnen für Frauen zur Reichstagswahl am 19. Januar vor genau 100 Jahren.

Anhand einer umfangreichen Präsentation von zeitgenössischen Fotos, Plakaten, O-Tönen und Aufrufen belegte Dr. Schüller die Etappen dieses Kampfes um politische Teilhabe der Frauen eindrucksvoll. Dabei konnte von Einigkeit selbst in den an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eigens gegründeten Stimmrechtsvereinen keine Rede sein. Prominente Wegbereiterinnen für das Frauenwahlrecht wie Hedwig Dohm, Helene Lange, Clara Zetkin,  Marie Juchacz oder Anita Augspurg kamen aus je anderen sozialen Milieus und standen für unterschiedliche politische Richtungen. Erst 1917 kam es zu einem breiten Frauenbündnis, das eine klassenübergreifende Allianz von Frauen aus verschiedenen politischen Lagern darstellte. 

Die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland, so Dr. Schüller, schlug jedoch am Ende des Ersten Weltkriegs, als der Rat der Volksbeauftragten beschloss, dass „alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften fortan (…) für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen“ seien. Mit Erfolg: Bei den Wahlen am 19. Januar 1919 zur verfassunggebenden Nationalversammlung der Weimarer Republik lag die Wahlbeteiligung der Frauen mit 82% genauso hoch wie diejenige der Männer. 

Von der Einführung des uneingeschränkten Frauenwahlrechts profitierten auch die ersten beiden weiblichen Stadtverordneten in Friedberg Katharina Schackey  und Anna Kloos. Wie Lothar Kreuzer im Anschluss an Dr. Schüllers Vortrag aufgrund eigener Archivrecherchen belegen konnte, waren beide Frauen von unterschiedlichen Milieus geprägt und vertraten bei der Wahl zum Stadtparlament am 1. Juni 1919 gegensätzliche politische Programme. Katharina Schackey arbeitete in Friedberg als Hebamme. Sie kandidierte für die USP, die sich v.a. für die Arbeiterinnen einsetzte und Frauenrechte erst in einer sozialistischen Gesellschaft verwirklicht sah. Anna Kloos hingegen war die Enkelin von Carl Scriba, des späteren Landtagsabgeordneten und Friedberger Bürgermeisters. Sie war national-liberal eingestellt und vertrat mit der vereinigten Liste von DDP, DVP und Zentrum das Mittel- und Großbürgertum. Das Engagement der beiden blieb allerdings ein kurzes Gastspiel. Bei Katharina Schackey kam es noch vor Ende der Amtszeit krankheitsbedingt zu einem Rücktritt, Anna Kloos zog 1926 mit ihrer Familie nach Darmstadt, wo sie aber weiter politisch aktiv blieb.

Mit einem einigermaßen paradoxen Befund konnte Lothar Kreuzer aufwarten, den auch Dr. Schüller mit

Lothar Kreuzer

Interesse zur Kenntnis nahm: Ein wichtiger Impuls für die Einführung des Frauenwahlrechts, der Frauen auch in unserer Region den Zugang zu politischen Ämtern bis in die Dorf- und Stadtgemeinden ebnen half, kam mit Dr. Reinhard Strecker von einem Mann. Der Rektor der Friedberger Schillerschule und spätere Präsident des Landesamtes für das Bildungswesen verfasste 1908 eine Schrift „Zur Frauenbewegung“ und forderte darin gleiche Bildungschancen für Frauen. Dr. Strecker wollte Frauen nicht als unmündige Spießbürgerinnen, niedliche Puppen oder Hausglucken sehen. Sie sollten sich um Volksinteressen kümmern statt um Tratsch und Kochrezepte. Nach seiner Auffassung habe der Staat auch die Mitarbeit von Frauen nötig, die sich nicht darauf verlassen dürften, dass die Männerwelt selbstlos auch ihre Interessen vertrete. 

Eine Haltung, an die zu erinnern, sich auch heute wieder lohnt. Zumindest wenn man Dr. Schüllers Einschätzung teilt, die am Ende ihres Vortrags zu dem Schluss kommt, dass „wir bis heute  von einer paritätischen Vertretung in den Parlamenten und der Gleichstellung von Männern und Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen noch immer weit entfernt sind.“ Ein Ausweg, so Dr. Schüller mit Verweis auf eine Forderung des Deutschen Frauenrates, könnte die Einführung des Paritätswahlrechts sein, das einen 50-prozentigen Frauenanteil in den Parlamenten festschreibt.           

Dr. Joachim Meißner

 

Vgl. Wetterauer Zeitung 25.1.2019

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