Presse 2012 Büchner

Eine gemeinsame Exkursion des Friedberger Geschichtsvereins und des Literaturkreises der Ev. Kirchengemeinde führte unter der Leitung von Margarete und Hans Wolf anlässlich des Doppeljubiläums Georg Büchners auf Spurensuche zu den Wohn- und Erinnerungsstädten der Familie Büchner in Goddelau, Darmstadt und Pfungstadt.

Die Leiterin des Büchnerhauses in Goddelau, Rotraud Pöllmann, erläuterte den Werdegang der Familie. Die Großeltern mütterlicherseits waren aus der hessischen Pfalz zugezogen, der Großvater und dann auch der Vater Büchner arbeiteten am psychiatrischen Landeshospital in Hofheim im Ried. Die fünf jüngeren Geschwister Georgs gingen alle einen eigenständigen und modernen  Weg: Mathilde wirkte in Hausfrauenvereinen und war Wegbereiter von Großeinkäufen, Wilhelm machte Karriere vom Apothekergehilfen zum Chemiefabrikanten und Abgeordneten, Luise setzte sich für Frauen und deren Berufsausbildung ein  und nutzte hierfür ihre Beziehungen zum Hof (ihr Grab auf dem alten Darmstädter Friedhof war eine Station des Tages), der Mediziner, Naturwissenschaftler und materialistisch orientierte Philosoph Ludwig ging nach Entzug seiner Habilitation in die Praxis seines Vaters und wurde Landtagsabgeordneter, der weltgewandte und revolutionäre Alexander verlor die Anwaltszulassung und wurde letztendlich in Frankreich Literaturprofessor. In all ihrem Wirken finden sich Interessen und Themen, die auch das Leben ihres ältesten Bruders bestimmten.

Die Rauminszenierungen in Georg Büchners Geburtshaus, dem einzigen noch existenten Originalschauplatz seines kurzen Lebens,  beleuchten das Leben der Großfamilie, seine Studienzeit in Straßburg mit der heimlichen Verlobung mit der Pfarrerstochter Wilhelmine, das revolutionäre Engagement für Demokratie und soziale Gerechtigkeit, die Herausgabe des Hessischen Landboten, der u.a. mit der Veröffentlichung der Steuerstatistik Front gegen die wohlbeleibten Herren in den Darmstädter Palästen machte, die Flucht des steckbrieflich Gesuchten (persifliert in einer Szene von „Leonce und Lena“), den nervlich zerrütteten Naturwissenschaftler mit seiner Doktorarbeit über das Nervensystem der Flussbarbe, die ihm eine Stelle als Privatdozent im Exil in Zürich einbrachte, und seine enorme Nachwirkung als Literat auf den und für die Bühnen der Welt.

 

Von den Wohnstätten in Darmstadt war nur noch in der Grafenstraße ein Stück Gartenmauer zu besichtigen, damals gut geeignet zur Flucht ins freie Feld.

In Pfungstadt erläuterte der städtische Kulturbeauftragte und Mitherausgeber einer Biographie der Familie Büchner, Peter Brunner, das Wirken des gescheiterten Gymnasiasten Wilhelm auf dem Gelände um die Falkensteiner Mühle an der Modau. Väterliche Beziehungen hatten ihm Apothekerlehre und Chemiestudium ermöglicht, erste Experimente führte er  in der Darmstädter Waschküche durch, er erfand ein kürzeres  Verfahren zur künstlichen Herstellung von Ultramarin, brannte bei der Demonstration seines Ergebnisses ein Loch in den Wohnzimmertisch und kommentierte: „Da haben wir eine Million“. Der Vertrieb von Waschblau gegen vergilbte Wäsche machte ihn reich, er ließ durch soziale Maßnahmen seine Arbeiter am Reichtum partizipieren und ließ sich auf dem Fabrikgelände eine nach außen bescheidene, innen hochmoderne Villa bauen. Als liberaler Abgeordneter wurde er mehrmals direkt in den Reichstag gewählt. In seinem Haus verkehrten alle Geschwister außer Georg; sie führten dort Theaterstücke auf und lasen sicherlich die Werke ihres Bruders. Das Haus dient nach wechselvoller Geschichte heute als Kulturzentrum.

In der Beletage erzählte und spielte am Abend als krönender Abschluss der Fahrt, eigens für das Friedberger Publikum engagiert, der Schauspieler Christian Wirmer in einem neunzigminütigen Monolog die Novelle „Lenz“, Büchners herausragende deutsche Prosa. Mit dem Dank an das Ehepaar Wolf auch für diesen gelungenen neuartigen Programmpunkt endete die historisch- literarisch ausgerichtete Fahrt in Erinnerung an die bedeutende Familie Büchner.                                                                                                          Lothar Kreuzer

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