Dr. Lindenthal: Die Wetterau als Drehscheibe europäischer Kultur

Wetterauer Zeitung, 27.01. 2010

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Kreisarchäologe Dr. Lindenthal nimmt den Geschichtsverein mit auf eine Zeitreise zu den ersten Ackerbauern der Region

von Achim Meisinger

Kreisarchäologe des Wetteraukreises, Dr. Jörg Lindenthal beim Friedberger Geschichtsverein

 

Streifzug durch die Vor- und Frühgeschichte Interessante Zeitreise beim Friedberger Geschichtsverein zu den ersten Ackerbauern der Region

In der vergangenen Woche konnte der Kreisarchäologe des Wetteraukreises, Dr. Jörg Lindenthal die neusten Forschungsergebnisse zu den Grabungen im Rahmen der Straßenbaumaßnahmen B 3 und B 455 um Friedberg in einer Gesamtschau präsentieren.

Die zahlreichen interessierten Zuhörer wurden dabei auf eine Zeitreise von ca. 5000 v.Chr. bis 750 v.Chr. mitgenommen, bei der immer wieder deutlich wurde, welch bedeutungsvolle Kultur-landschaft die Wetterau eigentlich ist, die insbesondere durch die einzigartigen und hervorragenden Lössböden seit Jahrtausenden einen hohen Stellenwert genießt.

Lindenthal führte aus, dass aufgrund der zahlreichen Siedlungsspuren im Trassenbereich der Umgehungsstraße in allen Epochen, also nicht nur zur Römerzeit, bereits mit einer relativ dich-ten Besiedlung zu rechnen ist.

Beginnend im Norden am Feuerwehrstützpunkt der Stadt Bad Nauheim, nach Süden folgend, konnten die Hausgrundrisse eines Bandkeramikerdorfes aus dem Neolitikum aufgedeckt wer-den, dessen Bewohner bereits vor über 7000 Jahren Ackerbau und Viehzucht betrieben. Sogar ein Knochenkamm, der möglicherweise zum Flachskämmen benutzt wurde, wurde aus den Bodenschichten zu Tage gefördert. Etwa 1000 Jahre später ließen sich die Menschen, die der Michelsberger Kultur zugeordnet werden können, in den Usa-Auen nieder und errichteten ein kreisrundes Erdwerk, das mit Palisaden und Gräben als ein vorgeschichtliches Bauwerk im Un-terboden deutlich erkennbar war. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass seit dieser Zeit die Erosion auf der Bodenoberfläche etwa 1,50 m betragen hat.

Bei der Vielzahl der Tordurchlässe des Erdwerkes bleibt es zweifelhaft, ob diese Anlage überhaupt Verteidigungszwecken diente oder vielmehr als Kultbauwerk anzusehen ist. Auch auf ein Gräberfeld der Glockenbecher- und Urnenfelder-Kultur stieß man bei den intensiven Grabungstätigkeiten. Dabei wurde ein Doppelgrab mit einem sich eng umschlingendem Paar aufgedeckt, was zu zahlreichen Spekulationen Anlass gibt. Auch ein Depotfund aus einer bronzezeitlichen Siedlung mit Sicheln, Speerspitzen und Messern, die teilweise noch als Rohlinge in der Erde steckten, muss als bemerkenswert angesehen werden und dürfte einem Schmied zuzuordnen sein.

Im mittleren Abschnitt der B 3, etwa auf der Höhe des ehemaligen Flugplatzgeländes, stießen die Archäologen auf das etwa 3200 Jahre alte und gut erhaltene spätbronzezeitliche Skelett eines Kriegers. Eine weitere Sensation wurde schließlich im Süden der B 3 in Richtung Ober-Wöllstadt mit ei-ner zunächst unklaren 40 x 2,50 m großen Erdverfärbung untersucht. Ausgewiesene Experten des Neolithikums konnten schließlich im Pariser Becken Parallelen finden. Bei diesem länglichen Grabensystem handelt es sich um eine jungsteinzeitliche Grabanlage, die bisher nur in Frankreich nachgewiesen werden konnte. Erneut wurde deutlich, dass wir hier in unserer zent-ral gelegenen Wetterau von einer Drehscheibe der europäischen Kulturen bereits im Neolithikum sprechen können.

Den Abschluss des hochinteressanten Vortrages bildete schließlich die Grabung östlich Dorheims an der B 455. Auch hier konnten Funde aus allen Epochen von der Urnenfelderkultur über die Bronze- bis in die Neuzeit geborgen werden. Auffallend war dabei eine versiegelte Grube, der allerdings keine eigentliche Funktion zuzuordnen ist und die vielleicht kultischen Zwecken gedient hat. Die zahlreichen gefundenen Kegelstumpfgruben zur Getreidelagerung belegen einmal mehr, welch großartige Stellung die Wetterau bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Kornkammer hatte und welch besondere agrarstrukturelle Entwicklung die Menschen zu dieser Zeit besaßen.

Die günstige geografische Lage und die daraus resultierende ideale Anbindung an alle Handelswege führten bereits in dieser Zeit zu einem intensiven Waren- und Kulturaustausch zur Nordsee und weit in das heutige Frankreich und in den pannonischen Raum hinein.

Die Zuhörer dankten Dr. Lindenthal mit lang anhaltendem Applaus für den überaus spannenden Exkurs in die Vorgeschichte unserer Heimat.

Achim Meisinger

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