Prof. Dr. Bruno: Frühe Teilhabe am kosmischen Geschehen

Wetterauer Zeitung, 04.03.2008

»Prof. Dr. Bruno: Frühe Teilhabe am kosmischen Geschehen«

Vortrag

von Prof. Dr. Bruno Deiss beim Geschichtsverein über das frühkeltische Kalendarium auf dem Glauberg
von Johannes Kögler


 

Prof. Dr. Brunoo

Frühe Teilhabe am kosmischen Geschehenn

Vortrag beim Friedberger Geschichtsverein: Zwischen Himmel und Erde – das frühkeltische Kalendarium auf dem Glauberg

Einmal mehr stand vor kurzem der Glauberg mit seiner keltischen Vergangenheit beim Friedberger Geschichtsverein auf der Tagensordnung. Prof. Dr. Bruno Deiss aus Frankfurt referierte engagiert und kurzweilig über die Rekonstruktion eines frühkeltischen Kalendariums in unmittelbarer Nachbarschaft des Fürstengrabhügels. Der Vortrag war mit einer PowerPoint-Präsentation, die über einen Beamer projiziert wurde, hervorragend illustriert; diese Präsentationstechnik löst ja mehr und mehr die herkömmlichen Diaprojektionen ab. Prof. Deiss ist Astrophysiker und wissenschaftlicher Direktor des Physikalischen Vereins in Frankfurt. Daneben lehrt er an der Universität Frankfurt. So mag die erste zu beantwortende Frage lauten, wie ein Astrophysiker zur Archäologie kommt. Hier knüpfte Prof. Deiss nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung durch Johannes Kögler, Leiter des Wetterau-Museums, auch an. Mit dem Satz „Wer nur Physik kann, kann auch die nicht richtig.“ brachte Deiss die Tatsache auf den Punkt, dass die meisten Physiker gerne über den fachlichen Horizont schauen und ein vielfältiges Interesse an anderen Disziplinen haben. Wie viele andere wurde Prof. Deiss im Jahr 2002 durch die großartige Landesausstellung „Das Rätsel der Kelten vom Glauberg“ in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle auf die Ausgrabungen und Funde vom Glauberg aufmerksam. Doch anders als ein „Normalbesucher“ nahm Deiss die Grabungsergebnisse – zunächst den im Ausstellungskatalog veröffentlichten Grabungsplan – zum Anlass für weit reichende astronomische Berechnungen. Wie Deiss sein Schritt für Schritt weiterführendes Vorgehen als Naturwissenschaftlicher im Folgenden schilderte, war spannend wie eine Detektivgeschichte und am Ende höchst überzeugend, auch wenn Deiss vorab betonte, dass es sich bei all dem um eine Interpretation handelt. Immerhin führte diese Interpretation zur Rekonstruktion des keltischen Kalenderbauwerks am Glauberg im Herbst 2007.

In seinem Vortrag erinnerte Prof. Deiss sein Publikum noch einmal an einige wichtige Grunddaten der keltischen Geschichte und stellte die Situation am Glauberg kurz vor. Neben den archäologischen Fakten konnten die Zuhörer vor allem einiges Wissenswerte über astronomische Zusammenhänge erfahren, insbesondere über die Beobachtung des Laufes von Sonne und Mond und die daraus resultierenden kalendarischen Daten. Dabei war es interessant, sich klar zu machen, dass das Wissen um den Lauf von Sonne und Mond in vorgeschichtlichen Kulturen immer vorhanden war bzw. immer wieder neu erarbeitet werden konnte, einfach durch die Beobachtung der Gestirne durch die Menschen, die sich viel im Freien aufhielten und viel enger als wir heute mit ihrer natürlichen Umwelt verbunden waren. So spielten die Sonnenwenden im Jahreszyklus eine besondere Rolle, aber auch die von Prof. Deiss so genannten Acht-Teilungs-Tage, die durch die Halbierung der Vierteljahre entstehen. Einen anderen Rhythmus bestimmt der Mond, der nicht nur einmal im Monat um die Erde kreist, sondern dessen äußerster Aufgangspunkt am Horizont nur etwa alle 18,5 Jahre erreicht wird (Große Mondwende).

In seiner Deutung der archäologischen Befunde, hier vor allem der Pfostenlöcher nahe des Grabhügels und der so genannten „Prozessionsstraße“ zeigte Deiss in überzeugender Weise auf, wie präzise sich diese Befunde mit markanten Daten des Kalenders in Einklang bringen lassen. So ist die lange „Prozessionsstraße“ z.B. exakt auf die Große südliche Mondwende ausgerichtet, die auch durch eine Pfostenstellung markiert wird. Von dem rekonstruierten Beobachtungspunkt aus sind weiterhin die Wintersonnenwende durch Pfosten markiert, als auch der „Acht-Teilungs-Tag“ Anfang November. Die Pfostenstellungen stehen mithin in Zusammenhang mit dem Lauf der Sonne, des Mondes und dem Kalender. Weitere Zusammenhänge sind zwar sehr komplex, deswegen aber nicht weniger einleuchtend. Insgesamt stellt sich der Glauberg in keltischer Zeit als ein Ort dar, der weniger eine wirtschaftliche als vielmehr eine kultische Bedeutung besaß. Die Errichtung des Bauwerks in keltischer Zeit setzt eine Besiedlung des Ortes über mehrere Generationen voraus, da das Kalendarium nicht nur den Jahreszyklus (Sonne) repräsentiert, sondern auch einen Generationenzyklus, der durch den Lauf des Mondes entsteht (ca. 19jähriger Zyklus). Zeitmarken strukturieren die Zeit und ordnen gesellschaftliche Prozesse, so Prof. Deiss. Durch ein Kalenderbauwerk wird die Zeitstruktur in eine räumliche Struktur übersetzt. Die Strukturierung der Zeit (der Kalender) ist dabei durch „kosmische Zyklen“ bestimmt. Abschließend charakterisierte Deiss Kalenderbauwerke als kultische Anlagen, das Einhalten von Festtagen als Gottesdienst und das Beobachten von Sonne und Mond als Teilhabe am kosmischen Geschehen. Das Wissen bzw. eher die Deutung der Zyklen ist dabei ein Herrschaftswissen, was zur Ausbildung besonderer „Priesterkasten“ führt, bei den Kelten die Druiden.

Hans Wolf, Vorsitzender des Geschichtsvereins, dankte dem Referenten und eröffnete die Fragerunde, die von dem faszinierten Publikum intensiv genutzt wurde. Der Glauberg ist mit der Rekonstruktion des Kalenderbauwerks um eine Attraktion reicher und lohnt einen erneuten Besuch. Ein informatives Faltblatt bietet die Möglichkeit, die landschaftlichen und kosmischen Zusammenhänge vor Ort nachzuvollziehen.

Johannes Kögler

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