Vortrag Keller-Tucker: Heeresvergrößerung brachte ersehnte Garnison

Wetterauer Zeitung, 24.02.2004

»Heeresvergrößerung brachte ersehnte Garnison«

Stadtrat Keller und Ex-Truppenkommandeur Tucker sprachen über die Geschichte der Friedberger Kaserne

von Hans Wolf

 

Erster Stadtrat Michael Keller und der frühere amerikanische Truppenkommandeur in den Ray Barracks, Colonel Michael Tucker, referierten im Friedberger Geschichtsverein in dem bis auf den letzten Platz besetzten Bibliothekszentrum über die Geschichte der Friedberger Kaserne. Ihre interessanten Ausführungen illustrierten sie durch historische Aufnahmen aus fast einem Jahrhundert Friedberger Militärgeschichte.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg erlebte Friedberg einen Boom, der sich in seiner Geschichte nicht mehr wiederholen sollte. In diesen Aufschwung hinein passte der Wunsch, Garnisonsstadt werden zu wollen, der vor allem in konservativen und liberalen Kreisen der Stadt gehegt wurde. Die beschauliche Beamtenstadt sollte durch das Militär aufgewertet werden, aber keinen gesellschaftlichen Umbruch erleben. Soldaten wählen nicht und würden das gesellschaftliche Gefüge nicht stören, wie es von einer durch Industrialisierung erstarkenden Arbeiterschaft zu befürchten gewesen wäre.
Die Heeresvergrößerung im wilhelminischen Deutschland von 1913 brachte auch Friedberg die ersehnte Garnison. Ein Bataillon des hessischen Infanterieregiments 168 zog in die alte Bergkaserne ein, die Hofreite des Helmoltschen Gutes rechts der Frankfurter Straße auf dem Wartberg. Die Stadt stellte bestes Ackerland für einen Kasernenneubau links der Frankfurter Straße zur Verfügung. Am Löwenhof auf dem Gelände des heutigen Golfplatzes entstand der Exerzierplatz und oberhalb Ockstadts auf dem Gebiet des späteren Bundeswehrdepots der Schießstand. Als der Neubau im Herbst 1914 bezugsfertig war, befand sich das Bataillon aber bereits im Krieg. Bis 1918 wurde die Kaserne als Offizierskriegsgefangenenlager benutzt. Fotos zeigen, wie die Gefangenen ihre Gartenbeete pflegen, eine idyllische Art der Gefangenschaft.

Die Abrüstungsauflagen des Versailler Vertrages und die militärfreie Zone 50 km um den Brückenkopf Mainz beendeten nach dem Krieg die Fiedberger Militärträume. Die Kaserne lag nämlich innerhalb dieser Zone. Der neuen Kaserne drohte der Abriss. Die Stadt machte sich für die Einquartierung von hessischer Schutzpolizei stark, aber auf Einspruch der Alliierten musste die nach Butzbach verlegt werden. Die Kaserne wurde Teil der Ingenieurschule, des Polytechnikums.

Die Nationalsozialisten betrieben ab 1933 eine konsequente Revision des Versailler Diktatfriedens, wie er damals genannt wurde, und belegten die Kaserne mit einer SA-Standarte und einer SA-Wehrsportschule, die aber nach dem sog. Röhmputsch wieder aufgelöst wurde. Eine Zwischenverwendung brachte die sog. Österreichische Legion, d.h. nach dem gescheiterten Naziputsch von 1934 geflüchtete österreichische Nationalsozialisten wurden in Friedberg kaserniert.
Nach der Rheinlandbesetzung, die das Ende der entmilitarisierten Zone bedeutete, reiften auch wieder die Pläne, Friedberg mit Militär zu belegen. Die Stadt kündigte der SA das Gelände, für das Polytechnikum wurde in der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße ein Neubau errichtet. Um wieder regulärer Truppenstandort der neuen Wehrmacht zu werden, stellte die Stadt abermals Gelände für die notwendige Erweiterung der Kaserne zur Verfügung. Das Heeresproviantamt wurde gebaut, ein Wehrbezirkskommando kam in die Stadt und ein Bataillon sowie der Regimentsstab des Infantrieregiments 36 rückte im Frühjahr 1938 mit klingendem Spiel ein. Aber auch dieser Truppe sind kaum Friedensjahre in Friedberg vergönnt. Sie nimmt an der Besetzung des Sudetenlandes teil und steht seit Kriegsausbruch1939 am Westwall. In der Garnison werden während des gesamten Krieges Ersatzbataillone aufgestellt und trainiert. Der Bombenkrieg, der vor allem Fauerbach furchtbar traf, hinterließ in der Kaserne kaum Schäden, so dass die Amerikaner 1945 intakte Gebäude übernehmen konnten.
Der Blick auf die deutsche Militärpräsenz in Friedberg zeigt, dass die Stadt vom Reich ungeheuer ausgebeutet wurde, um ihr den Wunsch nach Militär zu erfüllen, dass sich aber die Nutzung des Standortes zwischen 1913 und 1945 auf ganz wenige Jahre konzentrierte.

Anders die amerikanische Präsenz von 1945 bis heute.
Michael Tucker stellte die Wellenbewegungen dar, die die amerikanische Präsenz in Deutschland im Zuge der weltgeschichtlichen Veränderungen mit sich brachte. Anfangs hatten die US-Truppen den Auftrag, die deutsche Bevölkerung zu kontrollieren, zu entnazifizieren und zu demokratisieren. Im Laufe der ersten Nachkriegsjahre wurde der Mannschaftsstand systematisch abgebaut. Erst mit dem Koreakrieg befürchtete Washington auch in Europa eine Front und verstärkte seine Einheiten, so auch in Friedberg. Das V. Korps kam nach Frankfurt. Danach wurden die Einheiten im Rotationsverfahren nach Deutschland verlegt. Das Gerät blieb hier, die Einheiten wechselten.
Die nächste Aufstockung erfolgte nach dem Mauerbau, als der kalte Krieg auf dem Höhepunkt war. In dieser Zeit war auch Tucker zum ersten Mal als Gefreiter in Deutschland. Die Friedberger Garnison war fest eingebunden in die Strategie, die Warschauer Pakttruppen am Fuldagap aufzuhalten. Ab 1989 erlebten die US-Streitkräfte wieder einen drastischen Abbau. Die Friedberger Truppen wurden nach Bosnien-Herzegowina verlegt und nahmen an beiden Golfkriegen teil. Im Mai werden sie bei ihrem augenblicklichen Golfeinsatz abgelöst und kommen zur Erholung und Regeneration wieder für 8 Monate nach Friedberg zurück, aber einige Kameraden sind inzwischen im Irak auch gefallen.

Die weitere Verwendung hängt von den weltgeschichtlichen Entwicklungen ab. Im Zuge der Konzentration der Truppen in Europa ist aber vom Pentagon eine Schließung des Friedberger Standortes noch in diesem Jahrzehnt angesprochen worden. Fest steht, dass die Anwesenheit der US-Truppen in Europa und letztlich auch in Friedberg den Frieden bei uns stabilisiert hat, was von den deutschen Truppeneinheiten im Zuge der deutschen Politik vor 1914 und im Dritten Reich nicht behauptet werden kann. „Nur friedliche Jahre sind für eine Kaserne gute Jahre“, sagte Michael Keller.

Es dürfte für einen deutschen Geschichtsverein einmalig sein, dass ein aktiver amerikanischer Offizier, der kurz vor der Beförderung zum General steht, in deutscher Sprache einen Vortrag hält. Das Publikum dankte ihm für seinen bemerkenswerten Auftritt mit herzlichem Beifall.
Im Internet www.wetterauer-zeitung.de

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