Hans Wolf: Unterwegs auf den Spuren der Nassauer

Wetterauer Zeitung , 26.05.2011

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Friedberger Geschichtsverein besucht Herborn, Dillenburg und Haiger

von Lothar Kreuzer

 

Auf einer Tagesexkursion besuchte der Friedberger Geschichtsverein unter der Leitung von Hans Wolf Herborn, Dillenburg und Haiger im Herrschaftsgebiet der Nassauer, das ursprünglich nicht zu Hessen zählte. In einem Überblick bereitete Herr Wolf die komplizierten historischen Entwicklungen der Herrscherfamilie von der Lahn auf, die in ihren Familienzweigen vom Taunus und Westerwald zu europäischem Rang aufstieg. Von Napoleon aufgewertet gehörte das Herzogtum dann zum Deutschen Bund, geriet 1866 mit Kurhessen als Hessen- Nassau unter preußische Herrschaft, später wurde die Provinzhauptstadt zur Hauptstadt des neuen Bundeslandes Hessen. Anfang des 13. Jh. stellten die Nassauer einmal den deutschen König, nach Erbe im 16. Jh. in Orange an der Rhône übernahmen sie die Bezeichnung Oranier. Wichtigster Vertreter war Wilhelm von Oranien als Generalstatthalter der Niederlande, mit seiner deutschen Abstammung in der kraftvollen Nationalhymne bis heute präsent. Die niederländische Königsfamilie und der Großherzog von Luxemburg sind Nachfahren. Wirtschaftlich verdanken die Nassauer ihren Aufstieg dem Eisenerzabbau, der Überlegenheit ihrer Kanonen, dem Textilhandel mit dem Zentrum Herborn und der Industrie (z.B. Küchengeräte). Herborn wurde ab 1584 bis 1817 mit der Hohen Schule ihre einzige Universität, in der die Ausbildung der reformierten Kirche garantiert war, allerdings ohne Promotionsrecht. Nebenan entstand für ihre Schriften eine eigene Druckerei.. Aus dieser Tradition ist Herborn nach Schließung des Friedberger Seminars heute die einzige Ausbildungsstätte für Pfarrer in der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Unter den insgesamt 6000 Studenten war Comenius der berühmteste. Später studierten die Nassauer in Göttingen und hatten dort freie Verpflegung. Unberechtigte nutzten dies aus, und so spricht man von ihnen als „Nassauern“.

Geführt ging es durch die Altstadt von Herborn, geprägt von mehreren Marktplätzen, bis hinauf zu Schloss und Kirche. Ab 1150 bis 1737 von den Dillenburger Grafen regiert hat man seit 1251 Stadtrecht. Nach einem Brand entstand ab 1630 vom Rathaus weg eine geschlossene Häuserzeile mit den typischen Geschossdecken der Hallenhäuser, das Fachwerk oft mit Lebensbäumen oder Schreckgesichtern verziert. Manchmal schützte man das Holz durch Schieferverkleidung. Die vorbildliche Sanierung des meist aus dem 17. Jh. stammenden Hausbestandes ist weit vorangeschritten. Trotz Umleitung der Dill war man am Mühlbach dem Gestank der Färbereien und dem Krach und Staub der Mühlräder ausgesetzt. In einem Hospital neben der Kirche versorgten seit dem 13. Jh. Frauenorden die ärmere Bevölkerung. Im Dachstuhl der Kirche befand sich der medizinische Hörsaal. Vorläufer der Kirche vermutet man bis ins 8. Jh. zurück.

In der Residenzstadt Dillenburg stieg man auf den Wilhelmsturm auf dem Gelände des zerstörten Schlosses oberhalb der Stadt, der in Erinnerung an Wilhelm von Oranien Ende des 19. Jh. erbaut wurde. Dessen Biographie von der Erziehung am spanischen Hof Karls V. über die konfessionell und ökonomisch motivierten Kämpfe der niederländischen Provinzen gegen den Herzog von Alba bis zu seiner Ermordung 1584 in Delft sowie die Geschichte von Oranien- Nassau werden hier präsentiert.

Die nächste Attraktion stellte der Besuch der Stadtkirche in Haiger dar, seit 914 bezeugt, 1048 neu gebaut, um 1480 um den Chor erweitert. In ihr beeindruckt ein sehr gut erhaltenes ausdrucksstarkes Bildprogramm, das nach dem Übertritt zum reformierten Glauben 1588 übermalt und erst 1905 wieder entdeckt wurde. Die Szenen zeigen in drei übereinander angeordneten Bereichen das Passionsgeschehen, um einzelne Legenden ergänzt, die Höllenfahrt und das Leben der Seligen mit teils drastischer Darstellung z.B. der Kreuzigung oder des Wirkens des Teufels.

Zum Abschluss besuchte man mit dem Spitzen- und Leinenmuseum der Familie Backes in Haigerseelbach ein historisches Kleinod. In ihm wird die Verarbeitung von Flachs von der Aussaat des Leinsamens bis hin zum fertigen Wäschestück vorgestellt. Die vielen mühsamen Arbeitsschritte, die im Jahreskreislauf anfielen, wenn eine Bauersfamilie ihre Kleidung selbst herstellen musste, wurden in einem schon historisch anmutenden Videofilm aus den achtziger Jahren erläutert. Außerdem sind im Laufe der Jahre gesammelte Werkzeuge und handgefertigte Produkte aus Leinen und Seide ausgestellt. Brüsseler Spitzen schmücken so das eindrucksvolle Museum im Westerwald. Der Einblick in den industriellen Einsatz des Rohstoffes Flachs, z.B. als Dämmstoff, bei Bremsbelägen oder Windrädern, rundete den Tag im Dilltal ab.

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